Künstliche Befruchtung

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Künstliche Befruchtung 2018-06-05T10:57:25+00:00

Künstliche Befruchtung

Bei der künstlichen Befruchtung, auch assistierte Reproduktion genannt, handelt es sich um das Herbeiführen einer Schwangerschaft mithilfe einer medizinischen Maßnahme, wenn eine Empfängnis mittels Geschlechtsverkehr nicht möglich ist.

Der Eingriff wird bei Frauen angewandt, die selbst auf natürlichem Wege keine Kinder empfangen können, deren Partner zeugungsunfähig ist oder die als Single ein Baby bekommen möchte. Die künstliche Befruchtung ist außerdem für lesbische Paare eine Option, die eine Familie gründen und Eltern werden möchten. Allerdings sind bei einer Schwangerschaft, die auf diesem Wege eingeleitet wird, für die Personen mit Kinderwunsch oft etliche gesundheitliche und rechtliche Hürden zu überwinden.

Künstliche Befruchtung bei Kinderwunsch
Bildnachweis: © TBIT / Pixabay

Geschichte der künstlichen Befruchtung

In den 1950-er Jahren betrieb der Österreicher Berthold P. Wiesner zusammen mit seiner Lebensgefährtin eine Fruchtbarkeitsklinik in London. Dort erhielten vorwiegend gutbetuchte Damen mit zeugungsunfähigen Männern Fremdsamen, den der Biologe und Sexualforscher aus Mangel an Spendern größtenteils selbst beisteuerte. Er gilt daher bis heute mit geschätzten 600 Nachkommen als kinderreichster der Mensch der Erde.
Im Jahr 1978 kam mit einer Britin das erste im Reagenzglas gezeugte Baby zur Welt – das Kind aus der Retorte.

In der Folge durften in Deutschland künstliche Befruchtungen von Ärzten nur bei verheirateten Frauen vorgenommen werden. Alle anderen Personen konnten jedoch jederzeit selbst straffrei eine Insemination (Übertragung des Spermas in den weiblichen Genitaltrakt ohne Geschlechtsverkehr) vornehmen.
Heute ist es Medizinern erlaubt, auch bei ledigen Frauen eine künstliche Befruchtung vorzunehmen, sofern eine partnerschaftliche Beziehung zum Samenspender besteht, der die Vaterschaft anerkennen wird. Bei lesbischen Paaren ist die assistierte Reproduktion nach wie vor umstritten.

Allgemeines und Fakten

In Deutschland ist mittlerweile fast jedes fünfte Paar ungewollt kinderlos, weshalb der Bedarf an der künstlichen Befruchtung ständig steigt – im Vergleich zum Jahr 2006 sind 2017, mit 25.000 Eingriffen mehr pro Jahr, insgesamt 85.000 assistierten Reproduktionen durchgeführt worden.

Es kommen derzeit jährlich ca. zwei Prozent aller Kinder, zwischen 22.000 und 23.000 Mädchen und Jungen, nach einer In-vitro-Fertilisation zur Welt. Zum Vergleich: In Dänemark ist die Rate mit etwa vier Prozent allerdings doppelt so hoch.

Weltweit wurden bis dato schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Babys auf diese Weise geboren, wobei die Erfolgsquote, abhängig von einigen Faktoren und der Methode, bei etwa 20 bis 30 Prozent liegt. Die meisten Eingriffe werden bei 30- bis 40-jährigen Patientinnen durchgeführt.

Eine wesentliche Ursache für die Zunahme an künstlichen Befruchtungen sind die heute viel später gewünschten Erstschwangerschaften bei Frauen. Doch mit zunehmendem Alter nimmt die Fruchtbarkeit ab, was zur Folge haben kann, dass die natürliche Vorgehensweise nicht zum erhofften Ergebnis führt. Ein weiterer Grund kann die aufgrund ungesunder Lebensweise sich stetig verschlechternde Spermienqualität bei Männern sein.

Weitere Ursachen für den unerfüllten Kinderwunsch

Wird die Frau trotz regelmäßig ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht schwanger, können jedoch auch andere Ursachen eine entscheidende Rolle spielen. Nur bei 10% aller Fälle können Fachmediziner keine spezifischen Auslöser finden, was eine gezielte Behandlung erschwert. Bei den übrigen 90% liegen die körperlichen Ursachen zu gleichen Teilen bei Mann und Frau. Die Gründe für Unfruchtbarkeit bzw. stark eingeschränkte Fruchtbarkeit sind bei den Geschlechtern allerdings unterschiedlich gelagert.

Symbol männlich

Bei Männern stellt u.a. eine Infektion im Genitalbereich, eine Störung der Immunabwehr oder eine Fehlfunktion der Hoden oftmals das Problem dar.

Symbol weiblich

Bei Frauen sind die Ursachen häufig etwa eine Funktionsstörung (etwa Bauchspeicheldrüse), hormonelle Störung (beispielsweise der Hirnanhang- oder Schilddrüse) oder Störung des Immunsystems. Ebenso kann eine Schädigung oder Fehlbildung der Eierstöcke, Eileiter und Erkrankung der Gebärmutter zur Einschränkung der Fruchtbarkeit führen.

Natürlich können ebenso psychische Gründe die Ursache sein, wenn es trotz zahlreichen Versuchen nicht zur Schwangerschaft kommt. Diesesind jedoch weit schwieriger zu identifizieren.

Sofern aus medizinischer Sicht nichts gegen eine assistierte Reproduktion spricht, kann nach Feststellung der körperlichen Unfruchtbarkeit bzw. stark eingeschränkten Fruchtbarkeit mit der Behandlung begonnen werden. Welche Methode man dabei wählt, hängt in der Regel von individuellen Faktoren ab.

Methoden und Ablauf

Vor der künstlichen Befruchtung findet zumeist eine hormonelle Stimulation bei der Frau statt, vor allem bei der In-vitro-Fertilisation.

Das benötigte Sperma wird beispielsweise durch Masturbation gewonnen oder, etwa bei Impotenz, aus dem Hoden entnommen. Es kann, ebenso wie weibliche Eizellen, bei einer Kühlung in Flüssigstickstoff bevorratet werden.

Bei der künstlichen Befruchtung außerhalb des Körpers werden Eizellen und Spermien außerhalb des Körpers vereint. Die befruchtete Eizelle wird anschließend der Frau eingesetzt.

In-vitro-Fertilisation

Die In-vitro-Fertilisation ist eine der ältesten und erprobtesten Varianten der künstlichen Befruchtung. Spermien und zuvor sensibilisierte Eizellen werden dem Paar entnommen. In einem Reagenzglas bewegen sich die Spermien dann quasi selbstständig zu der verfügbaren Eizelle, die im besten Fall befruchtet wird. Die Erfolgsrate der in-virto-Fertilisation liegt bei etwa 50-70%.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion

Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion ist dies die erfolgreichste und daher am häufigsten angewandte Methode – über 30 Prozent aller Paare werden nach dieser medizinischen Maßnahme Eltern. Hierbei wird weniger beweglichen Spermien nachgeholfen, indem sie in die Eizelle eingebracht werden.

In-vitro-Maturation

Bei der In-vitro-Maturation handelt es sich um die modernste Methode, die mittlerweile immer häufiger angewendet wird. Die Spermien werden mit den Eizellen vereint. Jedoch werden bei dieser Art der Befruchtung nicht die befruchtete Eizelle, sondern erst die entstandenen Embryonen der Frau eingesetzt.

Bei der künstlichen Befruchtung innerhalb des Körpers wird das Sperma des Mannes gezielt zur Eizelle der Frau bzw. möglichst nah dort heran gebracht. Auf diese Weise findet die Befruchtung auf fast natürliche Weise innerhalb des Körpers statt und wird nur zusätzlich unterstützt bzw. assistiert.

Intrauterine Insemination

Das Sperma wird im Laufe der empfängnisbereiten Tage in die Gebärmutter der Frau eingebracht.

Intracervical Insemination

Das Sperma wird im Laufe der empfängnisbereiten Tage in den Gebärmutterhals der Frau eingebracht.

Intratubal Insemination

Vorbehandeltes Sperma wird im Laufe der empfängnisbereiten Tage in den Eileiter der Frau eingebracht.

Intrauterine Tuboperitoneal Insemination

Vorbehandeltes Sperma wird im Laufe der empfängnisbereiten Tage sowohl in den Eileiter, als auch in die Gebärmutter der Frau eingebracht.

Daneben existiert noch die Heiminsemination, auch „Bechermethode“: Gespendetes Sperma wird mithilfe einer Spritze oder eines anderen Hilfsmittels in die Vagina eingebracht. Bei dieser Variante bedarf es keiner medizinischen Unterstützung, weshalb sie die bevorzugte Methode lesbischer Paare darstellt.

Erfolgschancen und Kosten

Die Erfolgschancen einer künstlichen Befruchtung hängen von mehreren Faktoren ab, etwa von der angewandten Methode, der Qualität der Spermien und Eizellen sowie unter anderem dem Alter der Frau.

Pro Zyklus beträgt die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schwangerschaft im Schnitt zwischen 15 und 25 Prozent. Häufig sind allerdings mehrere Behandlungen notwendig. Wie jede Frau und jede Schwangerschaft, ist auch jede Kinderwunschbehandlung individuell. Daher kann es vorkommen, dass eine gesunde 40-Jährige Frau mit guten Anlagen eher schwanger wird, als eine 25-Jährige mit einer diagnostizierten Problematik im Stammbaum.

Paar ist erfolgreich schwanger nach Hormontherapie

© Beccalee / Pixabay

Es ist mittlerweile auch bekannt, dass die eigene Einstellung und Erwartung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Sicher ist es das Letzte, was man bei einem noch unerfüllten Kinderwunsch hören möchte. Dennoch wird allen Paaren mit der Hoffnung auf Nachwuchs via künstlicher Befruchtung geraten, positiv zu denken und das Familienleben vorab zu visualisieren. Auf diese Weise soll sich der Wunsch manifestieren, ohne dabei Druck auf alle Beteiligten aufzubauen.

Die Kosten für eine assistierte Reproduktion (künstliche Befruchtung) liegen in Deutschland – je nach Anbieter und angewandter Methode – bei 2.000 bis 3.000 Euro je Versuch. Diese Preise gelten dann für das Gesamtpaket, in denen nicht nur die künstliche Befruchtung selbst, sondern auch die ärztliche Betreuung, medizinische Vorbereitung und Nachsorge, sowie sämtliche notwendigen Medikamente enthalten sind. Es ist also nicht verkehrt, höhere Summen einzukalkulieren, insbesondere wenn mehrere Versuche notwendig werden. Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen auch Krankenkassen einen Anteil der anfallenden Kosten (meist etwa die Hälfte). Manche Krankenkassen bezahlen auch mehrere Versuche komplett, wenn beispielsweise beide Elternteile dort versichert sind. Grundsätzlich ist es ratsam, sich vor dem Eingriff genauestens zu erkundigen, da die Krankassen die Kostenübernahme unterschiedlich regeln.

Personen, bei denen der Unfruchtbarkeit eine Sterilisation vorangegangen ist, müssen die Kosten für die Kinderwunschbehandlung zur Gänze alleine tragen.

Komplikationen, Risiken und Kritik

Die verschiedenen Methoden der assistierten Reproduktion können mitunter zu diversen Komplikationen führen und bergen natürlich auch immer einige Risiken.

Durch die hormonelle Stimulation der Frau kommt es unter Umständen zu ernsthaften Störungen des Immunsystems oder Herz-Kreislaufsystems sowie zu starken Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression. Auch eine hormonelle Überstimulation ist möglich, wodurch sich Eierstöcke vergrößern, zu große Eibläschen und zu viele Hormone produziert werden. Auch die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft steigt damit enorm an. Gerade dann kann es passieren, dass einer sogar mehrere Embryonen noch im Körper sterben, was wiederum zu einer psychischen Belastung führt.

Körperliche Risiken bestehen insbesondere bei operativen Eingriffe. Diese führen möglicherweise zu Verletzungen an Blutgefäßen, Darm oder Blase, oder es kommt zu einer Infektion. Verletzungsgefahr besteht auch, wenn beim Mann das Sperma direkt aus den Hoden gewonnen wird.

Zu Problemen seelischer Natur kann auch der Erfolgsdruck führen, dem sich viele Paare während der künstlichen Befruchtung aussetzen, ebenso wie die Enttäuschung, wenn ein Versuch – und auch jeder weitere – nicht klappt.

Es gibt daher viele kritische Stimmen, die seit jeher und bis heute gegen diese medizinische Maßnahme zur Erfüllung des Kinderwunsches sprechen. Immer wieder entwickeln sich ethische Grundsatzdiskussionen, etwa wenn Frauen nach einer künstlichen Befruchtung Mehrlinge gebären, obwohl sie psychisch oder finanziell nicht in der Lage sind, diese großzuziehen. Auch ein erhöhtes Alter der Patientinnen sorgt immer wieder für Forderungen nach gesetzlichen Verboten einer Durchführung in einem solchen Fall.

Gesetzliche Regelung

Alle Maßnahmen der künstlichen Befruchtung werden in einer entsprechenden Richtlinie des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkasse geregelt und definiert. Dabei gilt:

  • Die Verwendungen von Spermien verstorbener Männer sowie die Eizellen fremder Frauen sind verboten.
  • Die Auswahl des Geschlechts bei Samenzellen ist verboten, außer zum Zweck des Ausschlusses geschlechtsspezifischer Erbkrankheiten.
  • Ebenso ist die Präimplantationsdiagnostik (PID) – Untersuchung, die der Entscheidung dient, ob ein durch künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers erzeugter Embryo in den weiblichen Körper eingepflanzt werden soll oder nicht – nur zur Vorbeugung von Erbkrankheiten und Gendefekten und mit Zustimmung einer Ethikkommission erlaubt.
  • Das Einfrieren von Keimzellen ist nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen legal durchführbar.
  • Liegt eine heterologe bzw. donogene Insemination vor, stammt das Sperma also von einem unbekannten Samenspender, haben Kinder, die aus so einer Art von künstlicher Befruchtung hervorgehen, ab Juli 2018 in Deutschland einen rechtlichen Anspruch auf die Herausgabe der Daten ihres Erzeugers.
  • Samenspender werden von Unterhaltsansprüchen oder Entschädigungszahlungen seitens ihrer durch heterologe bzw. donogene Insemination entstandenen Kinder freigesprochen.

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